Ein magisches Weihnachtsfest

eine Weihnachtsgeschichte von Simone R. Ott

 

Der Winter war ins Land gezogen und die morgendlichen Nebelschwaden waberten bis zum Mittag über die sanften Hügel von Kleinesland. Prinzessin Rosa liebte es, auf dem Rücken von Fridolin, ihrem Ackergaul, den Tag zu begrüßen. Eingepackt in einen langen, warmen Wollschal und dicke Wollsocken in den Gummistiefeln, ritt sie über die angrenzenden Felder des Schlosses.
Ein ereignisreiches Jahr lag hinter ihr. Nachdem ihr Vater, König Roland, sie zwangsverheiraten wollte, um ihr altes marodes Schloss zu retten, versuchte ihre Schwiegermutter in spe eine „richtige“ und vor allem schlanke Prinzessin aus ihr zu machen und ließ sie bei Wasser und Brot fast verhungern. Dank Fridolin, Wachhund Puffi, der Gans Trude und Köchin Emma mit ihren magischen Punschkugeln gab es ein Happy End für Rosa und ihren wahren Prinzen Johann. Prinz Johann von Großesland war von seinem herzlosen Vater, König Ludger, enterbt und verstoßen worden, als er ihm erklärte, er liebe Prinzessin Rosa aus Kleinesland und werde mit ihr sein künftiges Leben verbringen. Seit über einem Jahr lebten die beiden daher arm, aber glücklich in den bröckelnden Mauern des Schlosses von Kleinesland.
Rosa sog genüsslich die kalte Luft ein und ein heller Punkt am Horizont, der durch den Nebel schimmerte, verhieß einen sonnigen Tag. In zwei Wochen war Weihnachten. Rosa freute sich darauf. Sie hatte die Wollsocken für Johann fast fertig gestrickt und für ihren Vater hatten sie gemeinsam eine Nacht- und Nebelaktion vor Heiligabend geplant: Sie wollten seinen abgewetzten Thron mit neuem rotem Samt beziehen. Die Gedanken an Geschenke, einen Weihnachtsbaum und ein üppiges Weihnachtsessen ließ Rosa lächeln. Oh, sie hatte ein bezauberndes Lächeln.
Rosa dachte an Essen und Fridolin bekam Hunger und sagte: „Geh Rosa, lass uns umdrahn, i hob no nix gfrüstückt, i hob an Hunger.“
„Na gut Fridolin,“ antwortete Rosa, „Johann und Vater sind bestimmt schon auf und ich freue mich auf eine heiße Tasse Tee.“
Als sie sich dem Schloss näherten, sah Rosa, wie ihr Stallbursche ein unbekanntes Pferd in den Stall führte. Hatten sie Besuch bekommen? So früh am Morgen? Im Schlosshof angekommen sprang Rosa rasch von Fridolins Rücken. Als sie auf dem Boden aufkam, quietschten ihre Gummistiefel und Rosa eilte neugierig zum Schloss. Als sie die schwere Eingangstür aufdrückte, hallte ihr freudiges Kläffen von Puffi und tiefes Lachen entgegen, welches nur Rudolf von Schwarzwaldland gehören konnte. Prinz Rudolf war im letzten Jahr einer der Heiratskandidaten gewesen und wenn es nach Rosas Vater gegangen wäre, hätte sie ihn geheiratet. Rudolf war ein herzensguter Mensch, liebte Bäume und Wildschweinbraten. Mittlerweile war er mit der wunderschönen Prinzessin Sophie verheiratet. Gemeinsam lebten sie mit Rudolfs Mutter, Königin Charlotte, und Köchin Emma in einem prächtigen Schloss in Schwarzwaldland.
Als Rosa das Kaminzimmer betrat, saßen Prinz Rudolf – Puffi auf dem Schoß – und ihr Vater vor dem Feuer.
Rosa begrüßte Rudolf herzlich: „Rudolf, wie schön, dich zu sehen. Wie geht es dir?“
Rudolf sprang auf, warf seine Tasse Tee um und umarmte Rosa so überschwänglich, dass er sie fast erdrückte: „Rosa!“
Puffi fiel von seinem Schoß, schnupperte am verschütteten Tee, verbrannte sich die Schnauze und zog sich ärgerlich zurück.
Erst jetzt bemerkte Rosa Johann, der unbeteiligt aus dem Fenster starrte. Er und Rudolf waren Freunde geworden und Rosa wunderte sich, dass er sich nicht zu ihnen ans Kaminfeuer setzte.
Der Nebel hatte sich fast aufgelöst. Johann blickte mit zusammengekniffenen Augen zum Waldrand. Dort standen drei schwarze Reiter, die bedrohlich zum Schloss blickten. Über ihnen kreisten Raben und das Krächzen drang in Johanns Ohren und ließ ihn schaudern.
„Johann, was hältst du davon?“ Rosa war an ihn herangetreten und berührte sanft seine Schulter.
„Was?“ Johann erschrak.
„Rudolf hat uns Weihnachten nach Schwarzwaldland eingeladen. Emma will ein weihnachtliches 5-Gänge-Menü für uns kochen.“ Rosa sah ihn erwartungsvoll an.
„Ja, ja, das ist wunderbar.“ Johann zwang sich zu einem Lächeln.
„Was ist mit dir?“, flüsterte Rosa.
„Nichts, nichts …“ Johann schüttelte die dunklen Gestalten ab und drehte sich zu Rudolf und schlug ihm freundschaftlich auf den Rücken.
„Danke Rudolf. Wir kommen sehr gerne.“
„Wir werden euch am 24. morgens eine Kutsche schicken, damit König Roland eine bequeme Reise nach Schwarzwaldland hat.“
Puffi bellte und sah zu Rudolf auf. „Natürlich, mein Kleiner, du kommst auch mit!“
Puffi hatte seine verbrannte Nase vergessen und sprang vor Freude um Rudolfs Beine.
Sie machten einen Spaziergang durch den Schlosshof und zeigten ihrem Gast den im Winter brachliegenden Gemüsegarten und erzählten Rudolf von der reichen Ernte, die sie im Sommer eingefahren und auf dem Markt im Dorf verkauft hatten.
Johann schien die ganze Zeit über abwesend und schaute immer wieder besorgt zum Waldrand.
Der Tag verging wie im Fluge und kurz vor Einbruch der Dunkelheit brach Rudolf auf, um vor Mitternacht zuhause zu sein. Er kannte den Wald wie seine Westentasche und fürchtete sich nicht, dennoch bot Johann ihm an, ihn ein Stück zu begleiten. Zu neugierig war er, die drei düsteren Gestalten im Wald zu finden.
Rudolf verabschiedete sich mit einer festen Umarmung von Rosa und ihrem Vater, kraulte Puffi noch einmal ausgiebig hinterm Ohr, ehe sie sich auf ihre Pferde schwangen und Richtung Wald davonritten.
Rosa spürte Unheilvolles, zwang sich allerdings zur Zuversicht und rief Johann hinterher: „Seid vorsichtig und passt auf euch auf!“
Johann und Rudolf ritten zügig und als sie an den Wald kamen, hörte Johann wieder das Krächzen der Raben und er sah erschrocken gen Himmel. Luise, sein Pferd, bäumte sich auf.
„Was ist los?“, fragte Rudolf.
„Hörst du die Raben? Sie scheinen nichts Gutes zu verheißen“, antwortete Johann.
Rudolf lachte: „Keine Sorge, Johann. Die Raben sind im Wald zuhause und sagen sich nur ‚Gute Nacht‘. Möchtest du zurückreiten? Ich habe keine Angst und komme von hier aus sehr gut allein nach Hause.“
Da Luise keinen Schritt weiterwollte, sah Johann ein, dass es besser war, umzukehren. „Also gut, Rudolf, sei vorsichtig und lass den Wald schnell hinter dir. Die Nacht scheint voller böser Geister zu sein.“
Rudolf verabschiedete sich, fing an „Jingle Bells, Jingle Bells …“ zu trällern und ritt tiefer in den Wald hinein. Johann schaute ihm nach und lauschte seinem schiefen Gesang, bis es still wurde und selbst die Raben aufhörten zu krächzen. Dunkelheit und Stille hatten den Wald nun vollends in Besitz genommen und Johann machte kehrt. Luise setzte vorsichtig einen Huf neben den anderen und Johann witterte aus allen Richtungen Gefahr, dachte an die drei dunklen Gestalten, die er ganz in der Nähe wähnte. War es ein Fehler, Rudolf allein weiterreiten zu lassen? Johann schüttelte den Kopf und machte sich selbst Mut. Wenn jemand sicher im Wald war, dann Rudolf. Sicherer als er selbst!
Es hatte angefangen zu schneien. Ihn fröstelte und längst verblasste Bilder tauchten in ihm auf. Bilder von einer Zeit, die er verdrängt hatte. Bilder von seiner Zeit im Eisgebirge. Die Schmach, die Demütigungen, die er dort erfahren hatte, machten sich wieder breit in ihm. Wie den Schnee von seinen Ärmeln versuchte er, die dunklen Bilder abzuschütteln, versuchte an Weihnachten zu denken, an Rosa … seine wunderbare pummelige Prinzessin.
Da! Was war das? Ein Knistern? Da brannte ein Feuer! Jetzt sah er auch das Flackern der Flamme. Luise wich zurück. Johann stieg ab, nahm sie an den Zügeln und ging leise in die Richtung, aus der das Flackern zu sehen war. Er hielt sich hinter einer dichten Baumgruppe versteckt und sah sie: Die drei schwarzen Ritter! Auf einer kleinen Lichtung saßen sie um ein Lagerfeuer, lachten und prosteten sich mit schweren Weinhumpen zu. Johann entfuhr ein unterdrückter Schrei, als er einen von den dreien erkannte. Es war Saulus. Saulus, sein Peiniger aus der Königsakademie im Eisgebirge. Was machte er hier im Wald? Sein Vater musste ihn geschickt haben. Johann blickte wie erstarrt auf den Hünen, als dieser mit heiserer Stimme sprach: „Wenn wir Heiligabend dieses alte, marode Schloss abfackeln, dann wird Johann schon einsehen, wohin er gehört und nach Großesland zurückkehren und in die Fußstapfen seines Vaters treten.“ Sie grölten hasserfüllt und stießen die Humpen aneinander.
Johann schwang sich entsetzt auf Luise und ritt so schnell er konnte weg von dieser Horde. Was konnte er tun? Er brauchte einen Plan! Als er zurück ins Schloss kam, saß Rosa noch im Kaminzimmer und wartete auf ihn. Sie sprang auf, als er abgehetzt und voller Sorge ins Zimmer trat.
„Johann, was ist passiert?“ Johann erzählte ihr die ganze Geschichte.
Rosa wurde wütend. Sie stampfte mit einem Bein auf und ihr Gummistiefel quietschte. „Oh, ich lass mir doch von diesen … bösen … Menschen nicht mein Weihnachtsfest vermiesen.“
Trotz der ausweglosen Situation musste Johann grinsen, er liebte sie, wenn sie so wütend war.
„Was machen wir jetzt?“, fragte er sie.
„Wir können natürlich das Schloss am Heiligen Abend nicht allein lassen“, antwortete sie und lief mit ihren quietschenden Gummistiefeln vorm Kamin auf und ab, bis plötzlich ihre Augen leuchteten und sie sagte: „Schicke einen Boten nach Schwarzwaldland. Ich habe eine Idee!“
Im Morgengrauen des Heiligen Abends hielten Kutschen aus Schwarzwaldland im Schlosshof. Alle waren sie gekommen: Königin Charlotte, schlank und rank wie eh und je, Prinzessin Sophie, die an Rudolfs Arm aus der Kutsche schwebte und dem Schlosshof einen prinzessinenhaften Glanz verlieh, und natürlich Köchin Emma, die sofort die Ärmel hochkrempelte, die mitgebrachten Lebensmittel in der Küche verstaute und sich ans weihnachtliche 5-Gänge-Menü machte. Alle ließen sich gerne von der hektischen Betriebsamkeit anstecken, um die aufkommenden Zweifel an ihrem sehr gewagten Plan zu unterdrücken. Am Abend war alles bereit und man erwartete voller Anspannung die drei schwarzen Reiter. Drei helle Fackeln näherten sich in Windeseile dem Schloss und das Johlen der Bösewichter, die mit ihren Pferden angeritten kamen, ließ ihre Knie zittern. Aber sie blieben standhaft und stellten sich ihren Feinden. Diese stutzten, als sie die Tore des Schlosses nicht verrammelt vorfanden, sondern weit offen und ein heller Lichtschein ihnen den Weg in die Mitte des Schlosshofes wies.
Als Saulus und seine Mannen den hellerleuchteten, prächtig geschmückten Weihnachtsbaum sahen, den deftigen Wildschweinbraten rochen und die vielen Menschen sahen, die sie willkommen hießen, ließen sie fast die Fackeln fallen und rutschten von ihren Pferden. Ihr Johlen war verstummt und sie standen mit offenen Mündern da. Emma nutzte den Moment, lief mutig mit einem Teller magischer Punschkugeln auf sie zu und ehe sich Saulus versah, steckte schon ein Stück dieser schokoladigen Köstlichkeit in seinem Mund. Während der Bissen auf seiner Zunge zerging und er ihn hinunterschluckte, hatte Emma auch den anderen beiden eine Punschkugel angeboten, die verdattert zugriffen. Magischen Punschkugeln kann keiner widerstehen. Mit dem köstlichen Geschmack breitete sich eine wohlige Wärme in ihnen aus, ließ ihre Herzen erweichen und sogleich waren sie erfüllt vom Zauber der Weihnacht. Rudolf durchbrach die Stille, indem er laut und schräg „Stille Nacht, Heilige Nacht …“ anstimmte. Es wurde ein rauschendes Fest. Sie aßen, tranken Punsch und sangen alle Weihnachtslieder, die sie kannten. Auch Fridolin, Puffi und die Gans Trude feierten ausgelassen und tanzten bis in den Morgen um den Weihnachtsbaum.
Frohe Weihnacht und allzeit Frieden den Menschen und Tieren auf Erden.

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